Freitag, 22. Januar 2016

Vegetarismus und Eisenmangel (vorprogrammiert?)

Hallo zusammen; viel später als angedacht möchte ich heute die Geschichte von meinem ersten Mal Blutspenden mit euch teilen. Obwohl es schon ein paar Monate her ist, schwirrt mir diese Sache immer noch im Kopf herum...

Eigentlich soll es in diesem Post gar nicht so sehr um die Blutspende an sich, sondern um das vorherige Arztgespräch gehen. Wie ich erfahren habe, findet das sogar nicht nur einmalig, sondern vor jeder Spende statt. Zuvor muss man einen Fragebogen ausfüllen, in dem unter anderem danach gefragt ist, ob man schon mal an Eisenmangel gelitten hat. Obwohl es bei mir schon fast 10 Jahre her ist, dass das mal diagnostiziert wurde, hab ich also brav ein Häkchen gesetzt - und sollte es noch bereuen!


Nach Blick auf den Fragebogen war die erste Frage des Arztes dann, ob ich denn Vegetarierin sei. Ich befürchtete schon, in welche Richtung dieses Gespräch sich entwickelt (waurm hab ich nicht einfach nein gesagt?)... Daraufhin wollte er wissen, warum das der Fall sei. Generell höre ich diese Frage nicht gerne, weil 1. auch niemand, der Fleisch isst, ständig gefragt wird, warum er das tut und 2. sich das eigentlich nicht so einfach in einem Satz beantworten lässt. Wenn es mich aber komplett fremde Menschen fragen, für die es keine Relevanz hat, wird mir das sogar fast zu persönlich... Meine knappe Antwort ist also meistens "aus ethischen Gründen"; darauf wollte er wahrscheinlich hinaus und seine Reaktion hat mich wirklich sprachlos gemacht. Er fragte nämlich, ob ich denn kein Mitleid mit mir selbst hätte!!! Diese Formulierung!!!! Ohne mich oder auch nur meine Nährstoffversorgung zu kennen! Einfach davon auszugehen, dass ich ja dann unterversorgt sein müsste, finde ich so lächerlich!

Daraufhin fing er mit Erklärungen über Eisen und seine Funktionen, den Aufbau von Hämoglobin etc. an und wich dann sogar noch auf andere Nährstoffe wie B12 und Eiweiß ab. Erzählte mir von Eiweißmangel und seinen schlimmen Folgen - wo wir doch gerade hier eher überversorgt sind, da nicht nur Bedarf/Empfehlung meist falsch verstanden werden, sondern auch mittlerweile die völlig unnötigen Proteinpülverchen und -riegel so "normal" geworden sind...
Was mir dann aber wirklich entschieden zu weit ging, ist, dass er noch von Schwangerschaft sprach und dass das für ein gesundes Baby wichtig ist usw. Wieso geht dieser fremde Mann einfach davon aus, dass ich mal Kinder haben will/ werde und macht mir jetzt schon von Vornherein so ein schlechtes Gewissen; und das nur, weil ich kein Fleisch esse? Ich weiß selbst, dass in der SS ein erheblicher Mehrbedarf an so ziemlich allen Nährstoffen besteht, aber auch Omnivoren werden da einige Supplemente empfohlen. Ich musste mich echt zusammenreißen; "nicken und lächeln" dachte ich mir... Aber es kommt noch besser; die Sprüche hab ich echt noch 1:1 im Kopf. Vegetarier seien ja meist sowieso nur so halb lebendig/ halb tot - und passend dazu: Der Mensch sei nun mal halb Tier/ halb Nicht-Tier. Darüber muss ich mittlerweile echt lachen, denn letzteres ist einfach faktisch falsch. Ich schätze mal, er meinte Fleisch- und Pflanzenfresser...
Ich habe dann extra dazugesagt, dass der Mangelzustand schon sehr lange her ist und dass ich damals noch Fleisch gegessen habe! (Eisenmangel kommt, besonders bei Frauen, einfach häufig vor und das auch unabh. von der Ernährungsweise.) Nunja, für ihn machte das die Sache nur noch schlimmer, so als ob dann jetzt mein Eisenwert nur noch stärker im Keller sein müsste...

Ganz unabhängig davon, ob sich nun ein Eisenmangel bei mir herausstellen sollte oder nicht: Wie kann bitte ein Mediziner so daher kommen und einen solchen Quatsch erzählen? Mit so einem Gerede verunsichert er doch alle seine Patienten. Ganz abgesehen davon, dass sich das dann nur noch weiter verbreitet ("Mein Arzt hat gesagt...")Klar, dass sich dann diese Steinzeitmeinung auch weiterhin so in der Allgemeinheit hält -.- 
Also: ich kenne seinen persönlichen Werdegang nicht und will nicht grundlegend seine Kompetenz als Arzt in Frage stellen. Aber ich finde, man sollte wissen, worin man sich auskennt und eben auch, worin nicht so besonders. Von meinem Standpunkt aus hat er da wirklich kompletten Unsinn erzählt; dieses ganz typische Klischee, dass man ohne Fleisch in einen Eisenmangel gerät.
Er hat wahrscheinlich noch nie davon gehört, dass es ganz abgesehen von der Ernährung an sich auch auf die Aufnahme bzw. die Verwertung ankommt. Fakt ist: Eisenmangel ist generell der häufigste Nährstoffmangel, und das durchweg, also auch bei Omnivoren (ich bin dafür das beste Beispiel, aber das ist für alle Laien auch ganz einfach bei Wikipedia nachzulesen, also kein Hexenwerk...). Und abgesehen von Innereien hat selbst Fleisch nicht sehr hohe Gehalte!

Er hat mich dann noch gefragt, was ich beruflich mache (wieder: warum? aber wahrscheinlich eine Routinefrage..) und zu meinem Studiengang meinte er noch knapp "das passt ja" - und die Ironie konnte man förmlich heraus hören!!!
Ehrlich gesagt hatte ich (auch vorab schon) befürchtet, dass dadurch herauskommt, dass ich wieder einen Mangel habe. Wie gesagt ist es früher schon vorgekommen und dann habe ich das lange nicht testen lassen. Aber eigentlich wäre das ja nur gut zu wissen, damit man etwas daran machen kann! Das war für mich mit ein Grund, meine Angst zu überwinden und die ganze Blutspende-Sache mal anzugehen.
Diese ganze Geschichte hat mich jedenfalls nachträglich auch noch seeehr beschäftigt. Na gut, hauptsächlich geärgert und ich kann jedes Mal nur wieder mit dem Kopf schütteln wenn ich daran zurück denke.

Was euch aber jetzt vilt. noch interessiert, ist der Ausgang der ganzen Sache. Tja, was war: Mein Hämoglobin-Wert lag völlig im Normalbereich ;)

Es tut jedenfalls richtig gut, sich das alles Mal von der Seele zu schreiben! Ich bin ja sonst relativ tolerant allen Fleischessen gegenüber (es wird besser! bei blöden Sprüchen kommt halt was zurück..), aber hier habe ich mich wirklich extrem angegriffen gefühlt (ich denke, das konnte man auch herauslesen). Und abgesehen von mir persönlich finde ich es einfach nur unverantwortlich, in dieser Position solche Unwahrheiten (à la "Vegetarismus führt automatisch zu Eisenmangel") zu verbreiten!

Gibt es unter euch Vegetarier, die sich in der Situation wiedererkennen? Wie steht ihr zu dem Thema und welche Erfahrungen habt ihr selbst gemacht? Liebe Grüße & bis bald.

1 Kommentar:

  1. Ich finde es echt ätzend, dass der Arzt so reagiert. Auch so blöde Sprüche zum Thema Warum können die Leute sich doch schenken. Ich frage niemanden, Warum er so isst, wie er ist und binde auch niemanden meinen Vegetarismus auf die Nase.
    Aber ja, da sollte man als Arzt nicht so Halbwahrheiten verbreiten, sondern lieber sagen worin Eisen ist. Der Gehalt ist in Fleisch nämlich ähnlich hoch wie in diversen Pflanzen(mal abgesehen von Milch und Eiern). Nur die Aufnahme ist etwas schlechter, aber so etwas lässt sich mit Vitamin C steigern. Zumal etwa die Hälfte der Frauen, unabhängig von der Ernährung, einen Mangel hat.

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